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Kathrin Hartmann, 38, studierte in Frankfurt am Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Nach einem Volontariat bei der Frankfurter Rundschau arbeitete sie dort als Redakteurin im Ressort Nachrichten und Politik, von 2006 bis 2009 war sie Textredakteurin bei Neon, dem jungen Magazin vom Stern. Kathrin Hartmann arbeitet als freie Autorin in München – unter anderem für Neon, Nido, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, GQ und Spiegel Online. Für ihre kritische Interviewkolumne „Hartmann!“ im Wirtschaftsmagazin Enorm spricht sie mit Konzernvertretern über das Öko- und Sozialengagement. Sie betreibt außerdem das Blog www. ende-der-maerchenstunde.de

„Es klingt einfach zu schön, dass wir weitermachen können wie bisher“

TEXT: NADJA LOITSCH

Interview mit Kathrin Hartmann über die unternehmerische Verantwortung, Glaubwürdigkeit in der Berichterstattung und die Konsequenzen des Greenwashing.

Frau Hartmann, der Begriff „Verantwortung“ wird oft willkürlich und inflationär gebraucht. Wofür sollte er letztendlich benutzt werden?
Verantwortung klingt zwar sehr positiv und beruhigend, in Wahrheit bezeichnet der Begriff aber die Tatsache, dass man negative Folgen des Handelns nicht absehen oder gar planen kann. Sie entspricht der alltagsmoralischen Idee, dass derjenige die Scherben aufkehren soll, der sie verursacht hat. Verantwortung übernehmen heißt lediglich, dass man negative Folgen nicht von vornherein beabsichtigt – aber nicht, dass man sie auch tatsächlich beheben kann. Nehmen wir das entsetzliche Beispiel der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: Zwar hat BP nach dem Unglück sofort angekündigt, „Verantwortung“ zu übernehmen – doch die Schäden, die der Konzern angerichtet hat, sind irreparabel. In so einem Fall kann ein Konzern gar keine Verantwortung übernehmen. Aber ein Konzern würde nie sagen: Wir sind uns bewusst, dass unser Handeln negative Folgen haben kann, aber wir machen das nicht mit Absicht.

Ist die Idee, als Unternehmen Verantwortung zu übernehmen, also ein modernes Märchen?
Ich würde nicht ausschließen, dass manche Konzerne tatsächlich verantwortlich handeln wollen. Freiwillig ist das aber kaum möglich, da sind einem Unternehmen Grenzen gesetzt. Das Problem ist, dass Konzerne innerhalb von Strukturen wirtschaften, die weder sozialverträglich noch umweltfreundlich sind. Im globalen Weltwirtschaftssystem lässt sich am billigsten produzieren und kaufen, wo man auf Umweltschutz und Menschrechte keine Rücksicht nehmen muss. Würden Unternehmen verantwortlich handeln, würden sie ihren Wettbewerbsvorteil und ihre Existenzgrundlage aufs Spiel setzen. Ein großes börsennotiertes Unternehmen, das Anleger befriedigen muss, ist sehr unbeweglich. Wenn es keine Regulierung gibt, die zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet und Verstöße sanktioniert, dann sind kommunizierte Verantwortung und Nachhaltigkeit nur schöne Worte. Freiwilligkeit ist kein Instrument zur Weltrettung: Man kann sie nicht einfordern und ein Verstoß dagegen kann nicht bestraft werden.

Was zeichnet ein ethisch korrekt handelndes Unternehmen aus?
Das, was Konzerne mittlerweile so sehr herausstellen, entspricht im Grunde dem Artikel 14 § 2 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Der Allgemeinheit ist aber nicht mit netten Sozialprojekten gedient, die den Profit des Unternehmens nicht schmälern. Tatsächlich wäre es nötig, dass Unternehmen höher besteuert, die Arbeitnehmerrechte gestärkt und nicht die Lohnnebenkosten zugunsten der Unternehmen gesenkt würden. Leider kämpfen die Lobbyverbände erschütternd erfolgreich für das Gegenteil. Die Entlastung der Unternehmen bedeutet Belastung der Allgemeinheit. Das hat mit ethischem Handeln nichts zu tun. Der Punkt ist nicht das Engagement, sondern das Kerngeschäft eines Unternehmens. Wenn das nicht umweltfreundlich oder sozialverträglich ist, kann das nicht das wohlmeinendste Engagement aufwiegen.

"Ein Nachhaltigkeitsbericht ist nur dann tranzparent, wenn es verbindliche Standards und Messgrößen gibt."

In der Berichterstattung lautet in der Regel die Devise: „Tue Gutes und rede darüber.“ Das Schlechte bleibt leider oft außen vor. Wie viel Authentizität und Glaubwürdigkeit messen Sie einer solchen Kommunikation bei?
Es geht nicht darum, dass die Konzerne berichten, was sie Schlechtes tun – das besorgen NGOs und Journalisten. Entscheidend ist das Kerngeschäft. McDonald'?s zum Beispiel hat eine ganze Menge in Sachen Nachhaltigkeit unternommen. Dennoch ist der Fastfood-Konzern einer der größten Verarbeiter von Rindfleisch. Allein in Deutschland werden jährlich 39.000 Tonnen Rindfleisch gegrillt. Abgesehen von der ethischen Dimension – das Fleisch stammt aus Massentierhaltung – ist die Fleischproduktion eine ökologische Katastrophe. Da nutzt es nichts, wenn man es auf klimaeffizienten Grills brät. Oder Danone, die unter anderem die Privatisierung des Wassers in armen Ländern vorantreiben: Was nutzt da ein Brunnenbau-Projekt, wenn in anderen Teilen der Welt die Menschen sauberes Trinkwasser nicht mehr bezahlen können, weil alles in der Hand von Konzernen ist? Das sind keine Einzelfälle, sondern lediglich Beispiele für ein Prinzip.

Also kann ein Nachhaltigkeitsbericht nichts bewegen?
Wenn man diese ernst nehmen möchte, dann müssen sie unabhängig kontrolliert werden. Wenn zum Beispiel ein Unternehmen einfach schreibt: Wir haben in diesem Jahr 50 Prozent Energie eingespart, sagt mir das überhaupt nichts, weil die Vergleichsgröße fehlt. Ein Nachhaltigkeitsbericht ist nur dann transparent, wenn es verbindliche Standards und Messgrößen gibt. Es gab sogar schon politische Ansätze, solche zu etablieren, doch die Konzerne wehrten sich dagegen. Sie halten an der Freiwilligkeit in der Berichterstattung fest. Es gibt zwar Empfehlungen, aber die sind nicht verpflichtend. Wenn jemand schönrechnen kann, was er will, kann ich diesen Berichten keinen Glauben schenken. Verbindliche Standards sind die erste Voraussetzung dafür, dass es so etwas wie einen moralischen Wettbewerb überhaupt geben kann.

Wie viel Substanz verbirgt sich dann Ihrer Meinung nach hinter Auszeichnungen und Preisen für nachhaltiges Wirtschaften?
Meistens werden diese Preise von unternehmensnahen Organisationen oder sogar Unternehmen selbst vergeben – quasi untereinander. So entsteht der Eindruck, „die Wirtschaft“ ändere sich. Bewertet wird aber nicht das Kerngeschäft, sondern ein bestimmtes Projekt oder ein Nachhaltigkeitsbericht. Dahinter steckt vor allem die Idee, dass wir nachhaltiges Wachstum haben können, wenn man nur an ein paar Stellschrauben dreht – aber das ist leider nicht möglich. Die viel beschriebene „Win-win-Situation“ gibt es in den allermeisten Fällen nicht: Die Konzerne müssten ihre Produktionsprozesse, den Ressourcenverbrauch, ihre Handelsbeziehungen und Preispolitik so radikal umgestalten (oder gar einstellen), um auch nur annähernd so nachhaltig zu sein, wie sie behaupten. Das würde für die meisten großen Unternehmen eine Win-Loose-Situation bedeuten. Deshalb gibt es ja fast kein Unternehmen, das nicht schon irgendeinen derartigen Preis bekommen oder verliehen hätte. Das ist Lobbyarbeit und ändert nichts am System. Selbst Bayer hat schon einenKlimaschutz- Award bekommen, obwohl der Konzern – von allen Umweltschäden einmal abgesehen – auf seinem Gelände ein Kohlekraftwerk plant.

Kommunikation, die solche Widersprüche, wie Sie oben aufgezeigt haben, beschönigt, wird als „Greenwashing“ bezeichnet. Inwieweit fordern wir nachhaltige Versprechen durch unsere Sehnsucht nach einem guten Lebensgefühl heraus?
Es beschönigt die Probleme nicht, es verdeckt sie. Mittels Greenwashing wollen sich Konzerne Auflagen und Regulierungen vom Hals halten und die Konsumenten auf ihre Seite ziehen. Die sollen das Unternehmen mit dem Kauf der Produkte oder Dienstleistungen für ihr Engagement belohnen und sich gut fühlen. Aber damit delegieren die Kunden wichtige gesellschaftliche Debatten an die Marketingabteilungen der Konzerne. Die Folge ist ein Ablasshandel, der dafür sorgt, dass unter einem grünen oder sozialen Deckmäntelchen alles bleibt, wie es ist: Die Kunden können ihren aufwendigen Lebensstil und die Konzerne ihr schädliches Wirtschaften beibehalten.

"Es geht nicht darum, dass die Konzerne berichten, was sie schlechtes tun - das besorgen NGOs und Journalisten."

Ist CSR- Kommunikation dadurch im Grunde viel Lärm um nichts?
Der US-amerikanische Politikprofessor Robert Reich, ehedem Arbeitsminister unter Bill Clinton, formuliert das sehr schön: „Mit der ‚gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen? verhält es sich ungefähr so wie mit Zuckerwatte: Je kräftiger man reinbeißt, umso schneller löst sie sich in nichts auf“. Es liegt nicht in der Entscheidung von Unternehmen, wo und wie geholfen werden muss, das muss gesellschaftliche Übereinkunft sein. CSR ist, wie Greenwashing, Verschleierungstaktik. Dazu wurde eine Menge neuer Begriffe eingeführt: nachhaltig, sozialverträglich, verantwortlich, klimafreundlich. Aber sie sind wertlos, weil sie nicht geschützt sind wie Bio. Der normale Kunde kann sich so nicht orientieren. Bei ihm bleibt nur hängen: Toll, die machen ganz viel nachhaltig! Und wenn er erfährt, dass dem nicht so ist, ist er enttäuscht. Unternehmen könnten sich damit also schaden, weil man ihnen einfach nicht mehr glaubt. Das kann auch abfärben auf kleine Unternehmen, die wirklich versuchen, anders zu wirtschaften und dies kommunizieren.

Warum glauben wir trotzdem an das vermeintliche Märchen von der Weltverbesserung?
Weil es einfach zu schön klingt, dass wir einfach so weitermachen können, das aber trotzdem ethisch einwandfrei ist. Und weil wir nach 20 Jahren neoliberaler Politik tatsächlich glauben, dass es am Einzelnen liegt, etwas zu ändern. Beides ist Unsinn, aber das liegt im System Konsumgesellschaft begründet: Sie verspricht Glück, Individualität, Freiheit, Selbstbestimmung und neuerdings auch Weltrettung per Konsum. Ihr Motor ist der wachsende, ressourcenintensive, umweltschädliche Konsum – Verzicht ist in diesem System nicht vorgesehen. Konsumgesellschaft bedeutet, dass wir auf Kosten anderer leben. Ganz drastisch gesagt: Je mehr wir daran festhalten, desto mehr Menschen werden unseren Luxus mit ihrem Leben bezahlen. Wenn wir ernsthaft über Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit diskutieren wollen, müssen wir uns von diesem System verabschieden. Das ist nicht einfach, weil Verzicht negativ besetzt ist und uns Angst macht. Dabei hat Verzicht gar nichts mit Mangel zu tun – wir brauchen keine 100 verschiedenen Joghurts, auch nicht, wenn sie bio sind.

Welche Wünsche haben Sie zukünftig an eine nachhaltige Kommunikation?
Mein Wunsch ist eine emphatische Gesellschaft, die Probleme offen debattiert und Forderungen an die Politik stellt, die Unternehmen schließlich zum nachhaltigen Wirtschaften zwingt. Die es schafft, der Klientelpolitik ein Ende zu setzen. Die die wichtigen Fragen stellt: In welcher Welt wollen wir gemeinsam leben? Wie verteilen wir Wohlstand gerecht? Kann es wirklich sein, dass ein System, das auf Ausbeutung gründet, den Großteil der Menschheit von Teilhabe ausschließt und Millionen Menschen ins Unglück stürzt, das einzig mögliche ist? Es kann nicht nur um Kommunikation gehen, sondern darum, wirklich was zu ändern. Die nachhaltige Kommunikation, die ich mir wünsche, ist gesellschaftliche Solidarität.